von Victoria Gerards.

In unserer Beratungspraxis begegnen uns immer wieder Unternehmen, die entweder gar keine oder keine wirklich aussagekräftige Vision haben. Es ist äußert selten, dass uns wirklich gute, inspirierende und fesselnde Visionen begegnen. Das Fehlen einer solchen Vision macht sich unter anderem häufig in Form einer verwaltungsähnlichen Kultur bemerkbar. Unternehmen ohne Vision sind zwar meist operativ (noch) sehr beschäftigt, es fehlt aber die Zukunftsperspektive und die Zukunftsfähigkeit. Insbesondere wenn sich die Rahmenbedingungen ändern, wie es zum Beispiel aktuell durch die Corona-Pandemie der Fall ist, werden Unternehmen ohne aussagekräftige Vision mittel- und langfristig nicht überleben.

Warum ist eine Vision so wichtig?

In der letzten Ausgabe des Energie durch Entwicklung MAGAZINs BEYOND NEW WORK sind wir bereits auf das Thema „Vision als Fokus in der Krise“ eingegangen und haben dargestellt, wie kraftvoll eine Vision in einer akuten Krise wie Corona auf alle Mitarbeiter*Innen im Unternehmen wirken kann. Doch eine Vision ist nicht nur in einer akuten Krise essenzieller Erfolgsfaktor. Vielmehr sollte eine Vision die Grundlage für alles unternehmerische Handeln sein. Wenn ein Projekt oder eine Tätigkeit nicht auf die Erreichung der Vision einzahlt, sollte stark hinterfragt werden, ob das Projekt oder die Aufgabe umgesetzt werden sollten. Eine Vision hilft also, wie eine Art Leitstern, sämtliche Aktivitäten des Unternehmens auszurichten und auf Sinnhaftigkeit zu überprüfen.

Was macht eine gute Vision aus?

Das schlimmste, was Unternehmen meiner Einschätzung nach tun können ist, eine Unternehmensvision zu entwickeln, die lediglich auf dem Papier steht, aber nicht gelebt wird und diese Vision noch am besten von einer externen Agentur ohne Beteiligung von Mitarbeitern erstellt wird. Das führt dazu, dass diese Alibi-Vision quasi keinen Nutzen stiftet, denn an den Inhalt glauben weder die Geschäftsführung noch die Mitarbeiter‘*Innen. Somit erzielt eine solche Alibi-Vision keine inspirierende oder motivierende Wirkung.

Vielmehr braucht es eine Unternehmensvision, die eine erstrebenswerte Zukunft beschreibt und sinnstiftend für die Gesellschaft, die Kunden, die Mitarbeiter*Innen und auch für die Umwelt ist. Im besten Fall erzeugt die Unternehmensvision eine Gänsehaut und man fühlt sich aufgeregt, weil man das Gefühl hat an etwas wirklich Großem und oder Wichtigen mitzuarbeiten. Unternehmen, die eine solche Vision formuliert und in ihrer DNA verankert haben, haben Mitarbeiter*Innen, die meist ganz von alleine die richtigen Dinge tun, da diese Gänsehaut-Vision sie antreibt und das Maß aller Dinge bzw. Handlungen ist.

Wie kommt man zu einer wirklich guten Vision?

Gerade bei Start-ups formuliert sich die Vision oft aus dem Gründungsmythos heraus, so dass wir bei Start-ups und jungen Unternehmen Visionen öfter als kraftvoll und inspirierend erleben. Aber auch etablierte Unternehmen haben die Möglichkeit, nachträglich die Vision zu erarbeiten und zu formulieren. Dafür braucht es vor allem drei Schritte:

  1. Das Unternehmen muss einen Nutzen in einer sinnstiftenden Vision sehen. Wenn die Geschäftsführung und die Schlüsselpersonen im Unternehmen von der Idee einer solchen Vision nicht überzeugt sind, dann kann man sich den ganzen Aufwand sparen. Es braucht von Anfang an ein gemeinsames Commitment, alle Entscheidungen im Unternehmen an einer sinnstiftenden Vision auszurichten.
  2. Perspektivwechsel: Um die Vision möglichst inspirierend und sinnstiftend zu formulieren, muss sich der Blickwinkel vom „Selbst“ als Unternehmen hin zum „großen Ganzen“ verschieben, damit hat man automatisch auch den Kunden miteingeschlossen. Es geht also nicht darum, zu formulieren, was mit dem Unternehmen in Zukunft sein soll, sondern viel mehr, welche Wirkung das Unternehmen in Zukunft haben will.
  3. Die Vision sollte also als ein erstrebenswerter Zustand in der Zukunft formuliert werden, den man erreichen kann oder nicht. Nur das Bemühen, den Zustand zu erreichen, reicht alleine nicht. Denn wie der Volksmund schon weiß: „Er war stets bemüht…“ ist keine wirklich gute Leistungsbeurteilung.

In der Praxis erleben wir häufig, dass der eigene Unternehmenserfolg in der Vision festgehalten wird. Das ist insofern problematisch, als dass der monetäre Erfolg langfristig immer nur das Ergebnis sinnvollen unternehmerischen Handelns sein kann, nie aber das einzige Ziel. Wer nur auf monetären Erfolg zielt und alle anderen Faktoren, vor allem Nachhaltigkeit und Sinnhaftigkeit, aus dem Blick verliert, ist nicht zukunftsfähig, denn sowohl die Kunden, als auch die Mitarbeiter*Innen werden sich spätestens mittelfristig mit dem Unternehmen nicht mehr identifizieren können.

Die klare Fokussierung auf den zentralen Nutzen und Mehrwert, den man als Unternehmen für seine Kunden, Mitarbeiter*innen, die Gesellschaft und Umwelt stiftet führt also am Ende immer zu dem, was man sich wünscht: Erfolg und damit Zukunftsfähigkeit!

Victoria Gerards - Energie durch Entwicklung