von Victoria Gerards

Dieses Jahr 2021 steht für uns bei Energie durch Entwicklung unter der Gesamtüberschrift „Kultur für eine neue Zeit, denn es ist Zeit für eine neue Kultur“. Das gilt insbesondere für das große Feld der Unternehmenskultur, aber auch für jeden anderen Kontext. Es hat sich bereits seit vielen Jahren angebahnt, dass sich die Arbeitswelt drastisch ändern wird. Die Corona-Pandemie wirkt auf diese Entwicklung wie ein Katalysator. Der Wunsch vieler Menschen nach mehr selbstbestimmten und selbstorganisiertem Arbeiten, wahrhaftiger Kollaboration in Teams, sinnvoller und sinnstiftender Arbeit wächst zunehmend. Das das in unterschiedlichen Branchen unterschiedlich stark der Fall ist, steht dabei außer Frage. Dennoch müssen sich alle Unternehmen die Frage stellen, wie Zusammenarbeit heute und in Zukunft gestaltet werden kann, um die sich ebenfalls verändernden Wünsche der Kunden bestmöglich zu erfüllen, Mitarbeiter ans Unternehmen zu binden und neue Mitarbeiter für das Unternehmen zu gewinnen. Darüber hinaus gilt es, den richtigen Rahmen für Zusammenarbeit zu schaffen, in dem Mitarbeiter sich persönlich entwickeln und entfalten, gesund bleiben und leistungsfähig sein können.  

Dazu kommt, dass viele Teams seit über einem Jahr vor allem virtuell zusammenarbeiten. Was anfänglich noch aufregend, weil neu war, wird für viele Teams zunehmend zur Belastungsprobe. Der persönliche Kontakt geht verloren, die Luft ist gefühlt bei vielen ein Stück weit raus. Die Sehnsucht nach persönlichem Kontakt wächst, gleichzeitig stellt sich aber auch die Frage, wie Zusammenarbeit unter der anhaltenden Corona-Pandemie organisiert und für alle zufriedenstellend gelebt werden kann.   

Die Anforderungen an die Unternehmensführung und die Führungskräfte wachsen zunehmend und es fällt immer schwerer den teils sich wiedersprechenden Anforderungen gerecht zu werden.  

Was hat das Ganze mit Unternehmenskultur zu tun?  

Wenn wir uns das Kulturmodell von Edgar Schein ansehen, dann besteht Kultur aus verschiedensten Elementen. Wie bei einem Eisberg sind einige davon sichtbar und viele unter der Wasseroberfläche. Durch die virtuelle Zusammenarbeit sind viele sichtbare Faktoren verloren gegangen. Büros werden kaum genutzt, das gemeinsame Mittagessen in der Kantine fällt weg, das traditionelle Frühstück zum Geburtstag oder das gemeinsame Anstoßen zum Jubiläum, all diese liebgewonnenen Rituale sind durch Corona weitestgehend weggebrochen und mit ihnen auch viele andere Kultur-Artefakte.  

Was bleibt sind die Kultur-Aspekte, die unter der Wasseroberfläche sichtbar sind – gemeinsame Wertevorstellungen und Grundüberzeugungen. Gerade auf der Werteebene findet derzeit eine starke Prüfung und Bewährungsprobe statt. Wie verhält es sich mit der Offenheit, dem Vertrauen und der Wertschätzung in Zeiten der virtuellen Zusammenarbeit? Wie werden EhrlichkeitRespekt und Nachhaltigkeit praktisch gelebt, wenn alles im Krisenmodus ist?  Gerade jetzt sollten sich Teams und Unternehmen diese Fragen gefallen lassen und auch den Blick auf die gemeinsamen Überzeugungen – das gemeinsame Weltbild- richten. Wie die innere Landkarte genau aussieht, mit der sich Teams und Unternehmen die Welt erklären, hat maßgeblichen Einfluss auf die Art und Weise der Kollaboration.  

Wie kann Coaching bei der Kulturentwicklung helfen?  

Einerseits können Führungskräfte, Projektmanager*innen und Personaler*innen im Einzelcoaching ihre persönliche Rolle und ihre Wirkung reflektieren und sich der eigenen Vorbildfunktion bewusstwerden. Durch das Coaching können sie aber auch ihre persönlichen Werte und Überzeugungen überprüfen. Das führt dazu, dass sie gelassener, distanzierter und damit effektiver lernen, die bisherigen Probleme in neue Möglichkeiten zu verwandeln. Durch das Coaching können sie aber auch ihre Kommunikationsfähigkeiten und -fertigkeiten und somit den erfolgreicheren Umgang mit Kunden, Partnern, Kollegen und Mitarbeiter*innen verbessern.  

Das Coaching ermöglicht auch die Steigerung des Selbstbewusstseins (Selbstreflexivität), der Selbstsicherheit und des Selbstvertrauens zum selbstbestimmteren Umgang mit sich selbst sowie die Erhöhung der Durchsetzungs- und Überzeugungskraft! Klarere Sicht auf das Wesentliche durch kritische, selbstbewusste Beurteilung fremdgesetzter Normen und Erwartungen, verbessertes Management komplexer Situationen durch erhöhte Entscheidungssicherheit und/ oder Reduzierung von Komplexität! 

Doch Coaching kann nicht nur in Form des Einzelcoachings im Rahmen der Kulturentwicklung dienlich sein, sondern auch als Team-Coaching. Gemeinsam im Team auf die Art und Weise der Zusammenarbeit zu schauen, den Umgang miteinander und mit den Kunden auf Meta-Ebene zu reflektieren ist eine äußerst hilfreiche Übung. Gleichzeitig wird durch ein Team-Coaching auch das Team-Gefühl gestärkt und dem Gefühl der Zerfaserung entgegengewirkt. Missverständnisse können so aus dem Weg geräumt und damit Konflikten vorgebeugt werden.  

Durch das Team-Coaching wird so das intuitive oder ganzheitlichere Fühlen, Denken und Entscheiden verbessert. Die meisten Entscheidungen entsprechen in dieser überaus komplexen Welt nicht mehr einem „rational choice“ Modell, das eine geradezu irrational anmutende Berechnung aller Folgen und Nebenfolgen vorgaukelt, sondern intuitivem Wissen, das aus Erfahrungen, selbstreflexiven Prozessen gespeist wird, die selbstsicher anzuwenden sind. 

So können neue gemeinsame Denk- und Handlungsoptionen entwickelt und neue Wege zusammen im Team ausprobiert und beschritten werden, die die Zusammenarbeit bereichern und das Team zufriedener, sinnerfüllter und (vielleicht) glücklicher machen 

Coaching ist sicherlich nicht der einzige Weg, um Team- und Unternehmenskultur zukunftsfähig zu entwickeln, aber definitiv ein sehr wirkungsvoller und vor allem hochindividueller Weg und nachhaltige Veränderungen herbeizuführen.  

Kulturmodell nach Edgar Schein
Victoria Gerards - Energie durch Entwicklung