Energie-Impuls #32: New Work: Alter Wein in neuen Schläuchen?

//Energie-Impuls #32: New Work: Alter Wein in neuen Schläuchen?

Energie-Impuls #32: New Work: Alter Wein in neuen Schläuchen?

Von Victoria Gerards:

Wenn man sich mit Menschen über das Thema „New Work“ unterhält, dann fallen oft Sätze wie „Kaffeeküchen hatten wir schon in den 80ern“ oder „das ist doch gar nichts Neues“. In der Tat ist es auf den ersten Blick nicht immer leicht zu verstehen, was an den verschiedenen Ansätzen rund um New Work nun wirklich so anders ist, als das, was man vielleicht schon kennt.

Um diesen Unterschied besser zu verstehen, ist es hilfreich, sich mit den Anfängen von New Work zu befassen und die liegen in der Tat schon einige Jahrzehnte zurück. Als Urvater von New Work gilt der österreichische Philosoph Frithjof Bergmann, der seit seinem Studium in den USA lebt. Der heute 90-jährige ist immer noch gerngesehener Gast auf Konferenzen und in Interviews. Sein „New Work“-Konzept hat er bereits in den 1970er Jahren entwickelt, als er damals für General Motors (GM) arbeitete. Aufgrund der Automatisierung in den Automobilfabriken stand General Motors eine große Entlassungswelle bevor. Statt die Hälfte der Mitarbeiter zu entlassen, schlug er GM einen horizontalen Schnitt vor: alle Mitarbeiter sollten weiterbeschäftigt werden, allerdings nur noch sechs Monate im Jahr. In den übrigen sechs Monaten sollten sie sich mit den Dingen beschäftigen, die sie wirklich, wirklich wollen. Und genau darin liegt der große Unterschied zu dem, was wir schon lange kennen.

Bergmann hat sich viel mit Automatisierung und Lohnarbeit beschäftigt. Seine These: Lohnarbeit ist aufgrund der industriellen Revolution kein Naturgesetz, sondern ein verhältnismäßig neues Phänomen. In seinem Buch „Neue Arbeit, neue Kultur“ beschreibt Bergmann, dass bei der Lohnarbeit die zu erledigende Aufgabe das Ziel ist. Der Mensch nutzt sich selbst als Werkzeug, als Mittel zur Verwirklichung dieses Zwecks. Der Mensch unterwirft sich also der Arbeit. Aus dieser Haltung heraus hat sich auch der Begriff der Human-Ressource geprägt.

Der New Work-Ansatz will diese Logik umkehren. Nicht der Mensch soll der Arbeit dienen, sondern die Arbeit soll dem Menschen dienen. Die Arbeit soll dem Menschen mehr Kraft und Energie verleihen, ihn bei seiner Entwicklung unterstützen, ein lebendigerer, vollständigerer Mensch zu werden. Es geht also nicht darum, die alte Arbeit, die Lohnarbeit angenehmer zu gestalten. Die richtige neue Arbeit ist laut Bergmann viel mehr als nur Lohnarbeit mit Dekoration: „Sie ist eine Erlösung.“

Bei New Work geht es also darum, einen anderen Weg zu finden, Arbeit zu organisieren und zwar so, dass sie nichts Gezwungenes mehr hat, sondern jeder die Arbeit macht, die er wirklich will. Dabei geht es nicht darum, Spaß zu haben, sondern um das wahrhaftige Streben, das echte Wollen. Das ist für Bergmann ein großer Unterschied.

Die Herausforderung mit der wir heute konfrontiert sind, ist, dass viele Menschen gar nicht wirklich wissen, was sie selbst wirklich wollen, sondern durch ihre Sozialisierung und Konditionierung einfach das tun, was ihnen gesagt wird oder was naheliegend ist.

Durch die Globalisierung, den demographischen Wandel, die digitale Disruption und die damit verbundenen neuen technologischen Möglichkeiten wie z.B. künstliche Intelligenz, sind wir nun nicht nur eingeladen, sondern sogar gezwungen, darüber nachzudenken, wie wir in Zukunft arbeiten wollen. Einerseits findet ein großer Umbruch auf dem Arbeitsmarkt statt: in den nächsten Jahren werden durch die Digitalisierung 2 Millionen Jobs wegfallen und gleichzeitig genauso viele neue Jobs entstehen. Diese wollen sinnvoll gestaltet werden. Andererseits haben wir durch die technologischen Möglichkeiten an vielen Stellen die Chance, stupide Aufgaben an Maschinen und Computer abzutreten und uns selbst dadurch Freiräume zu schaffen, die wir mit anderen Aufgaben füllen können.

Dabei spielt die Frage nach dem Sinn eine ganz zentrale Rolle: Wofür arbeiten wir in Zukunft? Was sind die Ziele? Was ist der Nutzen? Diese Fragen sind nicht nur gesellschaftliche Fragen unserer Zeit, sondern auch die Fragen, die sich jedes Unternehmen und am Ende auch jeder Einzelne stellen muss.

Warum kommen uns aber so viele Maßnahmen, die im Zusammenhang mit New Work stehen, so bekannt vor? Nun, weil bereits seit den frühen 1970er Jahren versucht wurde, die Lohnarbeit angenehmer zu gestalten, z.B. durch die berühmten Obstkörbe, hübsch gestaltete Kaffeeküchen etc. Diese Maßnahmen haben nach wie vor ihre Gültigkeit und Berechtigung, allerdings mit einer völlig anderen Intention. Es geht nicht mehr darum, Mitarbeitern den Alltag der Lohnarbeit angenehmer zu gestalten, sondern darum, Grundvoraussetzungen zu schaffen, die sinnstiftende Arbeit für den Einzelnen und damit auch für das Unternehmen, Kommunikation, Austausch, neues Denken und Innovation ermöglichen. Es geht darum, alte Rahmen aufzubrechen und neue Wege zu beschreiten, die vorher noch nicht gegangen worden sind. Lernen, Entwicklung und Sinnerfüllung stehen im Vordergrund – für den Einzelnen, für das Unternehmen und auch für uns als Gesellschaft.

By |2019-05-27T08:21:36+00:0027 Mai 2019|News|0 Comments