Von Victoria Gerards:

Wenn ich mich mit Menschen über das Thema „New Work“ unterhalte, dann fallen oft Sätze wie „Kaffeeküchen hatten wir schon in den 80ern“ oder „das ist doch gar nichts Neues“. In der Tat ist es auf den ersten Blick nicht immer leicht zu verstehen, was an den verschiedenen Ansätzen rund um New Work nun wirklich so anders ist, als das, was man vielleicht schon kennt. Insbesondere, wenn man bisher wenig Kontakt mit all diesen Themen hatte (was in der Tat immer noch viele Menschen sind!).

Unterschied zwischen Old Work und New Work

Um diesen Unterschied besser zu verstehen, ist es für meine Gesprächspartner oft hilfreich, sich mit den Anfängen von New Work zu befassen und die liegen in der Tat schon einige Jahrzehnte zurück. Als Urvater von New Work gilt der österreichische Philosoph Frithjof Bergmann, der bereits seit seinem Studium in den USA lebt. Der heute über 90-jährige ist immer noch aktiv und spricht nach wie vor als gerngesehene Gast auf Konferenzen und in Interviews. Sein „New Work“-Konzept hat er bereits in den 1970er Jahren entwickelt, als er damals für General Motors (GM) arbeitete. Aufgrund der damaligen Automatisierung in den Automobilfabriken stand (neben vielen anderen Unternehmen auch) General Motors eine große Entlassungswelle bevor. Statt die Hälfte der Mitarbeiter zu entlassen, schlug er GM einen horizontalen Schnitt vor: alle Mitarbeiter sollten weiterbeschäftigt werden, allerdings nur noch sechs Monate im Jahr. In den übrigen sechs Monaten sollten sie sich mit den Dingen beschäftigen, die sie wirklich, wirklich wollen. Und genau darin liegt der große Unterschied zu dem, was wir schon lange kennen.

Frithjof Bergmann hat sich viel mit Automatisierung und Lohnarbeit beschäftigt. Seine These: Lohnarbeit ist aufgrund der industriellen Revolution kein Naturgesetz, sondern ein verhältnismäßig neues Phänomen. In seinem Buch „Neue Arbeit, neue Kultur“ beschreibt er, dass bei der Lohnarbeit die zu erledigende Aufgabe das Ziel ist. Der Mensch nutzt sich selbst als Werkzeug, als Mittel zur Verwirklichung dieses Zwecks. Der Mensch unterwirft sich also der Arbeit. Aus dieser Haltung heraus hat sich auch der Begriff der Human-Ressource geprägt. Bis heute heißen die meisten Personalabteilungen “Human Resources” und da erkennen wir schon eines der Probleme – in der Grundhaltung.

Die Idee hinter New Work

Der New Work-Ansatz will diese Logik umkehren. Nicht der Mensch soll der Arbeit dienen, sondern die Arbeit soll dem Menschen dienen. Die Arbeit soll dem Menschen mehr Kraft und Energie verleihen, ihn bei seiner Entwicklung unterstützen, ein lebendigerer, vollständigerer Mensch zu werden. Es geht also nicht darum, die alte Arbeit, die Lohnarbeit angenehmer zu gestalten. (Das ist der Ansatz, den aktuell viele Unternehmen versuchen zu verfolgen – lasst uns die Mitarbeiter mit Obstkörben und Bällebädern zufriedener machen und ein paar Räume mehr instagramable machen – dann klappt es auch mit dem Employer Branding!) Die richtige neue Arbeit ist laut Bergmann allerdings viel mehr als nur Lohnarbeit mit Dekoration: „Sie ist eine Erlösung.

Bei New Work geht es also darum, einen anderen Weg zu finden, Arbeit zu organisieren und zwar so, dass sie nichts Gezwungenes mehr hat, sondern jeder die Arbeit macht, die er wirklich will. Dabei geht es nicht darum, Spaß zu haben, sondern um das wahrhaftige Streben, das echte Wollen. Das ist für Bergmann ein großer Unterschied. Und bedingt für die meisten Führungskräfte ein echtes Umdenken in ihrem Menschen- bzw. Mitarbeiterbild, denn es unterstellt, dass wir davon ausgehen, das Menschen/Mitarbeiter intrinsisch motiviert arbeiten wollen, was aber häufig abgesprochen wird.

Was wollen wir wirklich?

Eine weitere Herausforderung mit der wir heute konfrontiert sind, ist, dass viele Menschen gar nicht wirklich wissen, was sie selbst wirklich wollen, sondern durch ihre Sozialisierung (Elternhaus, Schule, Ausbildung, Freundeskreis etc.) und Konditionierung (Medien, Bildung, anerzogene Werte und – vielleicht unbewusste – Glaubenssätze etc.) einfach das tun, was ihnen gesagt wird oder was naheliegend ist.

Durch die Globalisierung, den demographischen Wandel, die digitale Disruption und die damit verbundenen neuen technologischen Möglichkeiten wie z.B. künstliche Intelligenz, sind wir nun nicht nur eingeladen, sondern sogar gezwungen, darüber nachzudenken, wie wir in Zukunft arbeiten wollen. Die Corona-Pandemie hat diese ganze Bewegung in den letzten sechs Monaten noch einmal beschleunigt und intensiviert. Einerseits findet ein großer Umbruch auf dem Arbeitsmarkt statt: in den nächsten Jahren werden durch die Digitalisierung 2 Millionen Jobs wegfallen (eine Parallele zu den 70er Jahren) und gleichzeitig genauso viele neue Jobs entstehen, von denen wir heute noch gar nicht wissen, welche es sein werden. Diese Arbeitsbedingungen und Jobs wollen sinnvoll gestaltet werden. Andererseits haben wir durch die technologischen Möglichkeiten an vielen Stellen die Chance, stupide Aufgaben an Maschinen und Computer abzutreten und uns selbst dadurch Freiräume zu schaffen, die wir mit anderen Aufgaben füllen können.

Die Frage nach dem Sinn

Dabei spielt die Frage nach dem Sinn eine ganz zentrale Rolle: Wofür arbeiten wir in Zukunft? Was sind die Ziele? Was ist der Nutzen? Diese Fragen sind nicht nur gesellschaftliche Fragen unserer Zeit, sondern auch die Fragen, die sich jedes Unternehmen und am Ende auch jeder Einzelne stellen muss. Selbstreflexion ist also auf individueller Ebene genauso wie auf Unternehmensebene wichtiger als je zu vor. Viele sind darin nicht geübt.

Alter Wein in neuen Schläuchen?

Warum kommen uns aber so viele Maßnahmen, die im Zusammenhang mit New Work stehen, so bekannt vor? Nun, weil bereits seit den frühen 1970er Jahren versucht wurde, die Lohnarbeit angenehmer zu gestalten, z.B. durch die berühmten Obstkörbe, hübsch gestaltete Kaffeeküchen etc. Diese Maßnahmen haben nach wie vor ihre Gültigkeit und Berechtigung, allerdings mit einer völlig anderen Intention. Es geht nicht mehr darum, Mitarbeitern den Alltag der Lohnarbeit angenehmer zu gestalten, sondern darum, Grundvoraussetzungen zu schaffen, die sinnstiftende Arbeit für den Einzelnen und damit auch für das Unternehmen, Kommunikation, Austausch, neues Denken und Innovation ermöglichen.

Mit Selbstreflexion fängt es an – und Mut

Es geht darum, alte Rahmen aufzubrechen und neue Wege zu beschreiten, die vorher noch nicht gegangen worden sind. Lernen, Entwicklung und Sinnerfüllung stehen im Vordergrund – für den Einzelnen, für das Unternehmen und auch für uns als Gesellschaft. Es braucht also Mut, Bereitschaft und den Willen, wirklich neu zu denken, damit neues Arbeiten möglich wird. Ich bin dabei. Du auch?